Das Byzantinische Reich (verkürzt auch nur Byzanz) bezeichnet, nach dem ursprünglichen Namen seiner Hauptstadt Byzanz (eigentlich Konstantinopel), das aus hellenistischer Kultur, dem Römischen Staatswesen und der (im kulturellen Ursprung jüdischen) Christlichen Religion entstandene Kaiserreich im östlichen Mittelmeerraum.
Die Wurzeln des Byzantinischen Reiches liegen in der römischen Spätantike (284–641). Das Byzantinische Reich stellte keine Neugründung dar, vielmehr handelt es sich um die östliche Hälfte des 395 endgültig geteilten Römerreichs, also um die direkte Fortsetzung des Imperium Romanum.
Während das Westreich im Jahr 476 bzw. 480 endgültig unterging, bestand das Byzantinische Reich bis zur Eroberung seiner Hauptstadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahre 1453, verlor aber nach den arabischen Eroberungen im 7. Jahrhundert weitgehend seinen spätantiken Charakter. Die Grundlage Byzanz' bildete:
- römisches Recht und Verwaltung
- griechische Sprache und Kultur und
- christlicher Glaube und Sitten
- Anerkennung des Basileus als Gottkaiser
Das Reich ist also de facto griechisch-christlich, wobei die Kirche eine große Macht darstellt. Das byzantinische Reich war im Frühmittelalter die dominierende Kultur, die sowohl den Islam als auch die europäische Renaissance befruchtete.
Kultur
Das Byzantinische Reich übte einen bedeutenden Einfluss auf Kultur und Wissen in Westeuropa aus (siehe auch byzantinische Kunst). So wurde beispielsweise die Wissenschaft, soweit sie von den Byzantinern (und auch von den Arabern) bewahrt worden war, durch die Byzantiner in der Antike wieder eingeführt. Ab 1204, dem Jahr, in dem die Kreuzfahrer Konstantinopel plünderten und das Reich endgültig in seinen Niedergang eintrat, wanderten zahlreiche byzantinische Intellektuelle und Künstler in das zunehmend wohlhabende Europa aus. Dies gab der Renaissance, insbesondere in Italien, einen wichtigen Impuls.
Die Bezeichnung (die sich von Byzanz, dem ursprünglichen Namen der Hauptstadt Konstantinopel, herleitet) ist modernen Ursprungs. In der Spätantike und im Mittelalter lautete die Eigenbezeichnung Βασιλεία τῶν Ῥωμαίων (Basileia tōn Rhōmaiōn „Reich der Römer“).
Die Byzantiner – und die Griechen bis ins 19. Jahrhundert hinein – betrachteten und bezeichneten sich selbst als Römer („Rhômaioi“), das Wort Griechen („Hellênes“) wurde fast nur für die vorchristlichen, heidnischen griechischen Kulturen und Staaten verwendet.
Die heute üblichen Bezeichnungen Byzantiner und Byzantinisches Reich sind modernen Ursprungs. Zeitgenossen sprachen immer von Basileia tôn Rhômaiôn (Reich der Römer) oder Rhômaikê Autokratia (Römisches Kaiserreich).
Nach ihrem Selbstverständnis waren sie nicht die Nachfolger des Römischen Reiches – sie waren das Römische Reich an sich. Dies war staatsrechtlich auch der Fall, zumal Byzanz in einem intakten, an die Spätantike erinnernden Zustand existierte (es hatte ja keinen so massiven Bruch wie im Westen gegeben), der sich erst nach und nach veränderte und zu einer Gräzisierung des Staates unter Herakleios führte. Allerdings war bereits vorher die allgemein vorherrschende nationale Identität des oströmischen Reiches überwiegend griechisch.
Griechisch war nicht nur die Amtssprache (seit Herakleios (575 - 641), vorher war es Latein), sondern auch die Sprache der Kirche, der Literatur und aller Handelsgeschäfte. Das byzantinische Reich war zwar ein multi-ethnischer Staat, der außer Griechen auch Armenier, Juden, Ägypter, Syrer, Illyrer und Slawen einschloss, aber die meisten Gebiete, über die er sich erstreckte, waren seit Jahrhunderten hellenisiert, also dem griechischen Kulturkreis angeschlossen. Hier lagen bedeutende Zentren des Hellenismus wie Konstantinopel, Antiochia, Ephesus, Thessalonike und Alexandria, und hier bildete sich auch die griechisch-orthodoxe Form des Christentums heraus.
Die ältere westeuropäische Forschungsmeinung sah in Byzanz oft nur eine dekadente, halb orientalische Despotie (so etwa Edward Gibbon). Dieses Bild wurde längst verworfen (Bury, Mango, Lilie unter anderem). Es wird inzwischen immer darauf hingewiesen, dass Byzanz als der Vermittler von kulturellen Werten und dem Wissen der Antike Unschätzbares geleistet hat. Es war zudem der „Schutzschild“ Europas über viele Jahrhunderte hinweg, erst vor den Persern und Steppenvölkern, später vor dem Islam. Erst nach der verheerenden Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204 konnte das Byzantinische Reich diese Funktion nicht mehr wahrnehmen.
Geschichte
Das Byzantinische Reich sah sich Zeit seines Bestehens als unmittelbar und einzig legitimes, weiterbestehendes Römisches Kaiserreich. In diesem Sinne beanspruchte der byzantinische Kaiser das Supremat über alle christlichen Staaten des Mittelalters. Dieser Anspruch konnte aber spätestens seit etwa 600 n.Chr. nicht mehr durchgesetzt werden.
Vor allem in der älteren Forschung wurde als Beginn oft die Regierungszeit Kaiser Konstantins des Großen (306 bis 337) angesehen, während in der neueren Forschung die Tendenz vorherrscht, erst die Zeit ab dem 7. Jahrhundert als „byzantinisch“ und die davor liegende Zeit noch als zur römischen Spätantike gehörig zu charakterisieren, wenngleich auch dies nicht unumstritten ist.
Konstantin begünstigte als erster römischer Kaiser aktiv das Christentum (konstantinische Wende), was enorme Auswirkungen hatte; zum anderen schuf er die spätere Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Zwischen 325 und 330 ließ er die alte griechische Polis Byzanz großzügig ausbauen und benannte sie nach sich selbst in Konstantinopel um (allerdings blieb auch Byzantion als alternativer Name der Stadt gebräuchlich).
In den letzten Jahrhunderten seines Bestehens schrumpfte das Byzantinische Reich, vor allem aufgrund von Verlusten an die Osmanen, auf ein kleines Gebiet in Westanatolien und Griechenland.
Im Jahr 1453 fand das Byzantinische Reich sein endgültiges Ende, als Konstantinopel vom osmanischen Sultan Mehmet II. erobert wurde. Dieser proklamierte sich daraufhin zum Kaiser des Römischen Reiches und sah sich gezwungen, das übrige Römische Reich zurückzuerobern. Er war der siebte Sultan des Osmanischen Reiches. Mehmet formte das Osmanische Reich zu einer Weltmacht und erwarb sich dadurch den Beinamen "Fatih" (türkisch für Eroberer).
Der spätrömische und frühbyzantinische Staat (330–650)
Konstantinopel wurde 330 gegründet, woraufhin sich das politische Zentrum des Römischen Reiches dorthin verlagerte. Im Jahr 395 teilte Theodosius I. das Reich administrativ in einen östlichen Teil, der von Konstantinopel aus regiert wurde, und einen westlichen Teil, der zunächst von Rom und ab 402 von Ravenna aus regiert wurde.
Kaiser Flavius Arcadius war zwischen 395 und 408 gilt als der erster (alleiniger) Kaiser des Oströmischen bzw. Byzantinischen Reiches. Auf ihn folgte sein Sohm Theodosius II. der von 408 bis zu seinem Tod im Jahr 450 regierte.
Zwischen 457 und 518 wurde das Oströmische Reich von mehreren häretischen Bewegungen erschüttert. Die oströmischen Herrscher versuchten, den Sezessionstendenzen Ägyptens und Syriens mit einer monophysitischen Politik entgegenzuwirken.
Justinian I. (527–565) eroberte Italien, Südspanien und Gebiete in Nordafrika. Nach 568 verlor Konstantinopel den größten Teil Italiens an die Langobarden, Südspanien an die Westgoten und die afrikanischen Gebiete an die Araber.
Unter Herakleios (610–641) eroberten die Araber Armenien, Syrien, Palästina und das byzantinische Ägypten. Die byzantinische Macht wuchs in Richtung Absolutismus. Latein wurde durch das Koine- Griechische ersetzt. Das Oströmische Reich wurde zum Byzantinischen Reich.
Die mittelbyzantinische Epoche (650 – 867)
Byzanz leistete Widerstand gegen das aufstrebende Bulgarische Reich in Europa, verlor aber ab 754 das Exarchat von Ravenna an die Franken, die dort den Kirchenstaat errichteten. Byzanz hielt die Araber aus Kleinasien fern, verlor aber 826 Kreta an sie.
Die bedrohlichste Belagerung Konstantinopels durch die Araber fand 717–718 statt; nur dank der Fähigkeiten Kaiser Leos III., der erfolgreichen Flottenoperationen (wobei die Byzantiner das Griechische Feuer einsetzten) und eines extrem harten Winters, der den Arabern schwer zu schaffen machte, konnte sich die Hauptstadt halten. 740 wurden die Araber bei Akroinon von den Byzantinern entscheidend geschlagen. Wenngleich die Abwehrkämpfe gegen die Araber weitergingen, war die Existenz des byzantinischen Reiches nun nicht mehr ernsthaft von ihnen gefährdet.
Kaiser Leo III. soll 726 den sogenannten Bilderstreit entfacht haben, der mehrmals Bürgerkriege aufflackern ließ. Es ging um den richtigen Gebrauch und die Verehrung von Ikonen in der orthodox-katholischen Kirche und dem byzantinischen Kaiserhaus. Die beiden Parteien wurden in der späteren Betrachtung als Ikonoklasten (Ikonenzerstörer) und Ikonodulen (Ikonenverehrer) bezeichnet.
Der Bilderstreit (726–843) spaltete das Reich innerlich und schwächte es äußerlich; er beschädigte zudem die Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche schwer. Die Wiederherstellung der orthodoxen christlichen Einheit (843) und die darauffolgende kulturelle Erneuerung stärkten das Byzantinische Reich wieder.
Blütezeit (867 – 1057)
Basileios I. (867–886) eroberte Gebiete bis zum oberen Euphrat und Teile Süditaliens. Basileios II. (976–1025) zerstörte das Bulgarische Reich und bekehrte die Kiewer Rus zum byzantinischen Christentum.
Die politische und religiöse Unabhängigkeit von Byzanz endete in einem tiefen Bruch mit dem päpstlichen Rom durch das Schisma von Photios I. von Konstantinopel im Jahr 867 und das Ost-West-Schisma von 1054. Mitte des 11. Jahrhunderts drangen die Seldschuken nach Kleinasien vor, Ungarn und Petschenegen agitierten an der Donau, und normannische Fürsten griffen in Süditalien an.
Rückgang (1057 – 1453)
Das Reich verfiel sozioökonomisch. Kontakte zum Westen brachten mehr Hass als Nutzen. Das Bündnis mit Venedig hatte einen hohen Preis. Die Kreuzzüge führten 1204 zur Eroberung Konstantinopels durch die Latiner, die dort ein Lateinisches Kaiserreich errichteten. Das Byzantinische Reich zog sich auf Epirus, Trapezunt und Nicäa zurück, 1261 wurde von Nicäa aus ein neues Kernreich mit Konstantinopel als Hauptstadt gegründet.
Finanziell geschwächt und im Kampf gesellschaftlich und religiös nutzlos, schrumpfte das Reich allmählich. Um 1350 hatten die Osmanen ganz Kleinasien erobert, und Völker wie die Bulgaren und Slawen drangen ebenfalls nach Europa vor. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts eroberten die Türken auch byzantinisches Gebiet in Europa, bis sie schließlich 1453 die Hauptstadt Konstantinopel einnahmen.
Zeittafel
- 326: Grundsteinlegung Konstantinopels
- 330: Am 1. Mai 330 wird Konstantinopel als Nova Roma Hauptstadt des Römischen Reiches
- 395: Reichsteilung
- 451: Konzil von Chalcedon
- 533: Der Feldherr Belisar erobert Karthago
- 535–-555: Ostgotenkriege des Kaisers Justinian I.
- 582: Awaren und Slawen dringen auf dem Balkan vor
- 610: Die von Karthago aus operierende Flotte unter Herakleios besetzt Konstantinopel. Sturz und Hinrichtung des Kaisers Phokas. Herakleios wird Kaiser, Beginn des Mittelbyzantinischen Reiches. Griechisch wird Amtssprache, Kaisertitel Basileus statt Imperator.
- 611-–619: Die Sassaniden überrennen die orientalischen Besitzungen von Byzanz
- 622: Beginn der byzantinischen Gegenoffensive unter Kaiser Herakleios
- 626: Awaren, Slawen und Perser belagern Konstantinopel, Verlust der letzten Besitzungen auf dem spanischen Festland an die Westgoten.
- 627: Sieg über die Sassaniden im Nordirak. Rückgabe aller eroberten Gebiete durch die Sassaniden. Byzanz ist alleinige Großmacht zwischen Gibraltar und dem Indus.
- 636: Niederlage bei der Schlacht am Jarmuk gegen die Araber. In den folgenden Jahren fallen sämtliche orientalischen Besitzungen an die Araber (bis 640 auch Ägypten und der Rest Syriens), ausgenommen Kleinasien. Ende der Spätantike.
- 697/698: Karthago fällt an die Araber. Endgültiger Untergang des byzantinischen Nordafrikas
- 730-–843: Byzantinischer Bilderstreit
- 797: Kaiserin Irene: Erstmals Alleinregierung einer Frau im Römischen Reich. Der römische Papst nimmt dies zum Anlass, den Frankenkönig Karl zum römischen Kaiser zu krönen, da er die Herrschaft einer Frau nicht anerkennt.
- 860: Erster Flottenangriff der warägischen Rus auf Konstantinopel.
- 869: Photius-Schisma
- 907: Flottenangriff der Rus auf Konstantinopel, der byzantinische Kaiser zahlt Tribut und bietet Handelsprivilegien an. Weitere Angriffe folgen 911 und 940.
- 944: Die Byzantiner erobern Edessa von den Arabern zurück
- 1018: Eroberung des Bulgarenreiches. Die Donaugrenze ist wiederhergestellt.
- 1054: Morgenländisches Schisma
- 1071: Niederlage bei Mantzikert gegen die Seldschuken
- 1096: Beginn des Ersten Kreuzzugs
- 1176: Byzantinische Niederlage bei Myriokephalon. Letzter ernsthafter Versuch einer byzantinischen Rückeroberung des türkischen Teils Kleinasiens
- 1186: Abfall Bulgariens von Byzanz. Die byzantinische Vorherrschaft auf dem Balkan ist beendet
- 1204: Eroberung von Byzanz im vierten Kreuzzug, Errichtung eines römisch-katholischen Gegenreichs
- 1261: Rückeroberung von Konstantinopel
- 1274: Auf dem Konzil von Lyons wird die Wiedervereinigung der West- und Ostkirche verkündet. Die Union scheitert jedoch nach kurzer Zeit.
- 1351: Der Hesychasmus wird anerkannt und revitalisiert die byzantinische Spiritualität.
- 1352: Übergreifen der Osmanen auf europäischen Boden. Bereits vorher ist Kleinasien verloren gegangen, mit Ausnahme einiger Enklaven
- 1439: Auf dem Konzil von Florenz wird die Wiedervereinigung der West- und Ostkirche verkündet. Die Union scheitert jedoch wiederum am Widerstand der einfachen Christen des Ostens.
- 29. Mai 1453: Konstantinopel wird von den Osmanen erobert.
- 1460: Die Osmanen erobern das byzantinische Despotat Morea auf dem Peloponnes.
- 1461: Eroberung des kleinen Kaiserreiches Trapezunt durch die Osmanen. Der letzte Kaiser, David Komnenos, wird später hingerichtet.
